zurück
 18.06.2010

 

wos tasche?
Präsentation Galerie Prisma, Bozen

 

PDF-Download, 380 KB

 

Das Gedenkjahr 1809-2009 ist mittlerweile selbst Historie. Was ist geblieben? Haben wir uns im "Labyrinth :: Freiheit" zurecht finden können oder hat es uns überfordert? Welche Inhalte konnten wir behalten?

Die ARTbrothers Kraxentrouga – Armin Mutschlechner & Luis Seiwald –, stellten sich diese Fragen. Die Antwort war wiederum eine Frage.
Wos tasche?

"tasche“ oder "Tasche" steht im Pustertaler Dialekt für "tun" oder "Tragetasche“. Aus diesem Grund präsentieren die ARTbrothers Kraxentrouga ein Jahr nach der Landesausstellung "lab 09" die "Taschenedition lab 09", gefertigt aus jenem Werbetransparent, welches während der Landesausstellung an den Außenmauern der Festung Franzensfeste angebracht war.

18.06.2010 | 19 h | Galerie Prisma_Bozen

Begrüßung_saluto: Dr. Arch. Helga von Aufschnaiter
Es sprechen_intervengono: Hans Heiss, Paul Thuile, Armin Mutschlechner & Luis Seiwald

Südtiroler Künstlerbund_Galerie Prisma
Via Weggenstein_Str.12 | 39100 Bozen_Bolzano
www . kuenstlerbund . org | info(ät)kuenstlerbund.org
T.+39 0471 977037

 

 
 
 
 

Danke Dagmar & Irene für das Nähen!

 
 
 
 
 
 
 

FAST NOCH NACHT
Einbegleitung der Kraxentrager-LA-09-Finissage Wos tasche?
in der Galerie Prisma, 18. 6. 2010, 19.00 Uhr, von Hans Heiss

Wos tasche
Moustache
Baggage
Flug Asche
Apache
Blamage
Dommage
Ongst hasche


Wos t/Tasche? Was wie der Auftakt eines Gedichts von Ernst Jandl oder auch von Matthias Schönweger klingt, ist die konkrete Poesie der beiden Kraxn-Trouga Armin Mutschlechner und Luis Seiwald, der Dioskuren der Südtiroler Kunst.

Die schlichte, auf Anhieb leicht verständliche und dennoch rätselhafte Frage „Wos Tasche?“ beinhaltet alles, was man sich nur wünschen kann. Sie hält den Schwebezustand zwischen Frage und Feststellung, sie ist inhaltsleer und dennoch gefüllt. Mehr noch: sie stellt die Königsfrage der Existenz und dies in doppelter Hinsicht: Sie frägt nach unserem Tun und nach dem Sinn, den eine Form ohne Inhalt verkörpert.

Untergründig frappierend sind – erlauben sie den kurzen Exkurs - bei „Wos tasche?“ die Anklänge an Vladimir Iljitsch Lenin und seinen berühmten Traktat „Was tun?“ aus dem Jahre 1902. Darin entwirft der Regisseur der russischen Oktoberrevolution die Strategien künftiger Machtübernahme durch das Proletariat. Dagegen hat die ins Südtiroler Idiom übersetzte, genauer in Pustertaler Sound gefasste Halbfrage „Wos tasche?“ einen wenig revolutionären, aber für unser Land nicht ganz unbezeichnenden Charakter, da sie nicht im bestimmten Infinitiv „Was tun?“, sondern in der Möglichkeitsform, ja sogar im Irrealis gefasst ist.

Auf gut deutsch meint also die knappe Formel „Wos tasche“: „Was tätest Du, wenn Du könntest, wo Du doch weißt, dass es nicht geht, obwohl Du doch eigentlich dazu in der Lage wärst und dies auch möchtest?“

Diese geniale, haiku-artig verknappte Form der kunstvoll erstickten Möglichkeit, die in der Halbfrage Wos tasche zum Ausdruck kommt, nennen wir den Südtiroler Impossibilismus, wohl zu unterscheiden von Immobilismus, aber stets nahe dem Perfektionismus.

Der Impossibilismus drückt sich auch darin aus, dass die Frage nicht einmal zu Ende gestellt ist, da ja ihr Objekt fehlt: „Wos tasche?“ gut, aber mit wem oder wozu? Diese Form des Impossibilismus ist wahrhaft phänomenal, ein Spezifikum, das sich allen Außenstehenden hermetisch verschließt, da er nicht einmal die Möglichkeit zu Ende formuliert, die verheißungsvoll angedacht, bereits vom Schatten der Unmöglichkeit überlagert wird.
Diese, durchaus ins Tragische spielende Feststellung führt uns vom Fakt des erstickten Tuns hin zur Form, zur Tasche selbst: Was ist eine Tasche? Die Antwort ist einfach und dennoch groß: Die Tasche ist Ausdruck der Freiheit schlechthin, denn wie sie ist sie die ins Absolute gesteigerte Möglichkeitsform. Eine Tasche kann nichts beinhalten und sie kann alles in sich schließen, in schier unendlicher Varietät. Das ist die Essenz von Freiheit: Absolute Leere und rappelvoller Inhalt. Freiheit muss ständig neu bestimmt werden und bedarf der Taschenträger, besser gesagt der kraxntrouga, die unterschiedliche Konzepte von Freiheit vermessen, um sie einzufüllen und einzupassen. Allerdings: Freiheit füllt die Kraxen und sie druckt in die Haxen, daher ist das Taschenformat - das uns Armin und Luis anbieten - für uns Normalsterbliche vorzuziehen.
Der tiefere Sinn reicht aber noch weiter, zurück ins Gedächtnisjahr 2009: Tasche und Festung sind in eins zu setzen, denn beide sind Container, die beliebig gefüllt werden können. So gab das ‚Labyrinth Freiheit’ in der Festung ein nur kurzes Gastspiel, bevor es Ende 2009 , dem Jahr des Heils, wieder abgebrochen und dem Müll überantwortet wurde. Mutschlechner und Seiwald aber haben Großes getan und die Reste der Freiheit dem Müll entrissen, sie in Taschenformat gebracht und uns damit an das uneingelöste und dennoch visionär aufleuchtende Versprechen der Freiheit gemahnt, wenn auch in seiner Südtiroler Kümmerform, an der nur die Eleganz tröstet: Wos tasche?

Wir schließen, kaum bekümmert, ein wenig ratlos und holen uns Gewissheit bei jener Band aus Hamburg-Berlin, die dazu geeignet ist, uns in allen Lebenslagen Rat und Trost zu spenden, bei Tocotronic. Tocotronic hat die Grundfrage des Gedenkjahres und der Freiheit ernst genommen und ein wunderbares Lied geschrieben, das den passenden Titel trägt „Aus meiner Festung“ – einer Ode an die erstickte und dennoch unzähmbare Freiheit.

Aus meiner Festung
Seh' ich nach draußen.
Wieder daheim doch nicht zu hause
Ich bleibe sicher nicht für immer hier im Schrein
Und Geisterzimmer
Ich bin nicht klein
Sag niemals nein
Sag immer ja
sag immer ja
Morgens früh lief ich hinaus. Das Gras war feucht vom frischen Tau.
Ich schaute und war voller Glück verrückt, denn alles stimmt genau.
In Wahrheit war ich
Nie verreist wie das Protokoll beweist
Meine Wünsche sind Befehle
Es sind die Qualen die mich quälen
Ich bin nicht klein
Sag niemals nein
Komatös doch auf den Beinen
Aus meiner Festung
Seh ich nach draußen.
Kommt alle mit zu mir nach hause!
Kommt alle mit!
Kommt alle her alle zugleich, denn mehr ist mehr!
Kommt alle mit zur Tür hinein und lasst mich nicht mit mir allein!
Kommt alle mit! Spendet Applaus! Ich bin ein Star holt mich hier raus!
So hab ich's mir ausgedacht. Der Tag war fast noch Nacht.

Song: Tocotronic, "Aus Meiner Festung"














alle veröffentlichte inhalte unterliegen dem urheberrecht, und sie stehen den nutzern allein zum persönlichen zwecken zur verfügung. alle hier nicht ausdrücklich eingeräumten rechte bleiben vorbehalten. © 2007. impressum. aktualisiert 22.02.2011

ARTbrothers kraxentrouga
info[ät]kraxentrouga.it

y